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Zwischen Weltstadt und Isolation

www.stefan-arold.de_70ies_west

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Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundertes etablierte sich Berlin als Modestadt mit dem Ruf, vor allem qualitativ exzellente Kleidung herzustellen.
Anfang des 20. Jahrhunderts stieg Berlin neben Paris zu einer der angesehensten Modemetropolen auf. Hier entstanden die ersten Modemagazine und es fanden Moderennen, Moderevuen und Modemessen statt. Die Welt rühmte den „Berliner Chic“. Auch nach dem ersten Weltkrieg florierte der Berliner Modemarkt, nicht zuletzt durch die Tatsache, dass 90 Prozent aller deutschen Filme zu dieser Zeit in Berlin gedreht wurden. Bestellungen für Filmkostüme brachten den Berliner Designern Aufträge ein und machten sie bekannt.

Doch die Machtergreifung der Nationalsozialisten traf die Berliner Modewelt hart: Ein Großteil der Berliner Modehäuser war in Händen jüdischer Kaufleute. Viele der Ladenbesitzer wurden vertrieben oder verhaftet, die Geschäfte „arisiert“. Der „Berliner Chic“ der „Goldenen Zwanziger“ wurde ersetzt durch prüde Kleidung, die den Vorstellungen des nationalsozialistischen Idealbildes entsprach.

Nach dem zweiten Weltkrieg machte die Berliner Mode schnell eine sehr interessante Entwicklung durch: Geld und Stoffe waren knapp, also nähten deutsche Frauen Kleider aus allem, was sie finden konnten: Decken, Vorhänge, Uniformjacken und auch Fallschirme wurden zu Kleidern verarbeitet.

Anfang der 50er Jahre schaffte Berlin es mit 350 Bekleidungsfirmen mit 40 000 Beschäftigten beinahe wieder an die wirtschaftlichen Erfolge der 20er Jahre anzuknüpfen. Einer der bekanntesten Berliner Designer dieser Zeit war wohl Uli Richter, dem zu Ehren erst vor zwei Jahren eine Ausstellung im Berliner  Kulturforum gezeigt wurde.

Doch der Bau der Berliner Mauer führte erneut zum wirtschaftlichen Einbruch in der Berliner Modebranche.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte die Modebranche weltweit eine starke Veränderung durch: Mode entstand immer weniger auf den Pariser Laufstegen, sondern zunehmend auf der Straße. Berlin begann hierbei eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Nicht zuletzt durch die Einführung der Berlin Fashion Week vor zwei Jahren versucht sich die Deutsche Hauptstadt heute erneut sich ihre Stellung als anerkannte Modemetropole zurückzuerobern.

Mode hinter der Mauer

www.welt.de_Mode_DDR_1971

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Auch der Osten hatte seine Modeikonen, -macher und -kritiker. Eine der letzteren ist Dorothea Melis, ehemalig führende Moderedakteurin des DDR-Modemagazins „Sibylle“, der „Brigitte des Ostens“. Wie die heute 71-jährige erzählt, zeigte das Frauenmagazin noch Ende der 50er Jahre Mode, die sich an einem Frauenbild der Vorkriegszeit orientierte. Man fand dort nichts anderes, als die elegante Lady – die den Arbeiterfrauen der DDR allerdings völlig fremd war – und die biedere Hausfrau. Melis studierte damals Modegestaltung an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. 1961 ließ sie sich in ihrer Diplomarbeit über das einzige Modemagazin des Ostens aus und kritisierte dessen Inhalt und Message. In Folge dessen wurde ihr von der damaligen Chefredakteurin sofort ein Job angeboten, mit der Aufforderung, es doch bitte selbst zu machen, wenn sie es so gut wisse.

Den Anspruch, Mode zu zeigen, die sich von dem biederen grau der ostdeutschen Einheitskleidung abhebt, hatte die „Sibylle” allerdings auch vorher schon.
“Ich verspreche Ihnen, dass ich meine Augen überall haben werde – in Prag und Florenz, in Warschau und Wien, in Moskau und New York, in Peking und London – und immer wieder in Paris. Natürlich weiß ich sehr gut, dass Sie in der Vergangenheit ein wenig – na, sagen wir: stiefmütterlich behandelt worden sind. Da gab es nicht immer das zu kaufen, was sie wollten, und was es zu kaufen gab, wollten Sie nicht…”, schrieb die Chefredakteurin im Editorial der ersten Ausgabe des Magazins im August 1956.

Mit einer Auflage von 220 000 deckte die „Sibylle“ bei weitem nicht die Nachfrage, doch das Papier im Osten war knapp und so antwortete die Redaktion auf Beschwerdebriefe: „Die Antwort ist höchst einfach: Wo nicht genug ist, hat bekanntlich auch die Kaiserin ihr Recht verloren.“

Und das war nicht das einzige Problem, mit dem modebegeisterte Frauen in der DDR zu kämpfen hatten.
Die Kleidung, die es in den Läden zu kaufen gab, war nach den Direktiven der Regierungspartei SED entworfen. Sie propagierte den sozialistischen Einheitslook und ließ nicht viel Raum für kreative Experimente. Die Stoffe, aus denen sie hergestellt wurden und ihre Verarbeitung ließen zudem meist zu wünschen übrig. Vieles was als modisch galt wurde in Ostdeutschland mit Missbilligung betrachtet.
„Echte“ Jeans beispielsweise waren als Kleidung des kapitalistischen Klassenfeindes verschrien, die sogenannte „Maxi-Kleidung“ wegen ihres verschwenderischen Stoffverbrauchs nicht gern gesehen und Mini-Röcke zeichneten ein Frauenbild, das nicht den Vorgaben der DDR-Regierung entsprach. Das bekam auch die Redaktion der „Sibylle“ zu spüren und so wurde schon auch mal ein zu kurzer Rock fototechnisch verlängert, oder eine gesamte Ausgabe zensiert, weil sie das Thema „Mythos Blue Jeans“ zu kapitalistisch behandelte.
„Es gab auch die moralische Zensur“, erzählt Dorothea Melis, „Für ein Foto hatten wir einmal ein Model im karierten Kleidchen auf ein altes bemaltes Karussell-Pferd gesetzt. Daraufhin musste die Chefredakteurin vor die Frauenkommission des Zentralkomitees. Fast hätte sie ihren Posten verloren. Es gab ein Riesentheater, weil ‚unsere Frauen‘ degradiert würden.“

Und auch die Knappheit von Rohstoffen war ein Problem. Die Regierung versuchte zwar, zum Beispiel durch die Einführung des Lederersatzes „Lederol“ und die ostdeutschen Jeansmarken „Wisent“ und „Boxer“ die Bedürfnisse ihrer Bürger unabhängig vom Westen zu befriedigen. Doch auch diese lagen qualitativ weit unter der westlichen Konkurrenz und konnten die Sehnsucht der DDR-Bürger nach angesagten amerikanischen Labels und schicker westdeutscher Kleidung nicht verdrängen.

www.welt.de_Mode_DDR_1975

www.welt.de_Mode_DDR_1975

Wer nicht die Möglichkeit hatte, sich Pakete mit wertvollen Inhalten wie Leder und Jeans aus dem Westen schicken zu lassen, musste kreativ sein. „Die DDR war ganz klar eine Mangelwirtschaft“, gibt Melis zu, „und davon war auch die Bekleidungsindustrie betroffen. Es gab wenig, und vor allem kaum Qualität zu kaufen. Aber aus dieser Not heraus wurde selbst genäht. Da sind ganz zauberhafte Sachen entstanden.“
Besonders gefällt ihr die DDR-Mode der 80er Jahre. Viele versuchten damals die Folklorekleider der Hippies zu kopieren, indem sie Bettlaken umnähten und diese selbst im Batik-Muster färbten, bestickten und verzierten. In der „Sibylle wurden außerdem Schnittmuster angeboten, die trotz ihrer geringen Auflage millionenfach nachgeschneidert wurden. Und so sehr die Möglichkeiten des Modedesigns in Ostdeutschland auch beschränkt waren, auch hier gab es kreative Modemacher, die ihre Kreationen sogar in den Westen exportierten.

Heinz Bormann war einer von ihnen.  Der erfolgreiche Magdeburger Unternehmer verkaufte seine Entwürfe nicht nur in seinem eigenen Modehaus in Magdeburg, sondern auch bei Otto und Neckermann im Westen. Die nach einem Hauch Glamour und modischer Eleganz hungernde Bevölkerung riss sich quasi um Karten für seine Modenschauen und diese waren regelmäßig schon lange im Voraus ausverkauft. Doch nach der Zwangsverstaatlichung seines Unternehmens, verlor auch dieses Modehaus seinen Glanz.

Dennoch im Osten hat es allen Gerüchten zum Trotz Mode gegeben, darauf besteht Dorothea Melis. In ihrem 1998 erschienenen Fotoband “Sibylle. Modefotografie aus drei Jahrzehnten DDR” zeigt sie uns die Mode der DDR in Bildern von den 60er bis in die 80er Jahre.

Abseits der Luxusmode der „Sibylle“ und der Einheitsmode des Sozialismus gab es allerdings auch noch Untergrundströmungen, die sich unabhängig von staatlichen Konventionen entwickelten. Ihr Statement richtete sich gegen die Politik der DDR und die damit verbundenen Richtlinien in der Mode.

Couture für die Kameraden

www.focus.de_mode in der DDR_1

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Mit wüster Phantasie schaften Überlebenskünstler in der abgeschotteten Parallelwelt des Ostens eine Kleidung, die trotz mangelenden Materialien und strengen Vorschriften innerhalb der Grenzen individuell und ausgefallen war. Die Modetheatergruppe  „chic charmant und dauerhaft“  (ccd) schuf Kreationen von Kleidungsstücken die aus Alltagsmaterialien so galant konstruiert waren, dass jeder fortgeschrittene Ausdruckswillige die Mode hätte nacharbeiten können.

1961 bis 1989 verlor Berlin seinen Charakter als interessante Modemetropole. Ab dem 13.August.1961 wurde West-Berlin eingemauert und die zwei Modewelten zwischen dem modernen Alternativen und der alten Berliner Mitte beschränkte sich nur noch auf eine. Das kreative Konkurrenzverhalten ging verloren. Die Mode-& Konfektionsindustrie fand durch den Bau der Mauer ein abruptes Ende, doch es entstanden neue Modehäuser und Boutiquen, die sich als ein Magnet der Käuferschaft erstaunlich gut eigneten.

Ostberlin wurde links liegen gelassen und Westberlin zeigte, dass es am Wirtschaftswunder der Bundesrepublik teilhaben durfte.  Die Bekleidungshäuser von C&A Brenninkmeyer, das Kudamm-Eck von Werner Düttmann und das Kudamm-Karree von Sigrid Kressmann-Zeschach eröffneten 1966/67 eigene Häuser in West-Berlin. Die Großbauten wurden fast alle mit staatlichen Unterstützungen gebaut und waren mit Finanz-Skandalen verbunden. Kurz nach ihrer Fertigstellung mussten die Bauten subventioniert werden um überhaupt überleben zu können.  Viele wurden nach der Wende umgebaut oder abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Mehr Schein als Sein – das sagte sich der ehemalige Buchbinder und Punker Henryk Gericke, der sich in der Ostberliner Untergrund-Modeszene rumtrieb.  Eine Art von Mode- und Selbstbewusstsein war in der DDR vorhanden, doch für viele versteckt und unsichtbar. Was man in der Untergrund Modeszene des Ostens erlebte war einfach anders. Die Szene war eine Szene, und keine Bewegung. Die Kreativität, Anarchie und Lebensfreude, die man dort mitbekam und sammelte, konnte man sich im Westen nicht einmal vorstellen. Der Punk deckte ungesättigte Bedürfnisse und beeinflusste ihre Anhänger in ihrem Aussehen und Handeln.

Das Motto der Mode-Subkultur war „New York ist dort, wo wir sind“. Die Ikone des Ostens war das Anarchie-Label ccd. Sabine von Oettingen brachte das Label „chic charmant und dauerhaft“ in Umlauf und wurde von ihren Anhängern hoch gelobt. Was design-technisch dazu kam wurde runter gemacht und als Nachzügler bezeichnet.  Mit dem Staat setzte man sich erst gar nicht auseinander, man ignoriert ihn einfach.

Vor 20 Jahren am  09. November 1989 gegen 23 Uhr öffneten sich die Tore zwischen Ost und West.  Die Mauer fiel und schon mischten sich die Trends. Kaufhäuser, wie Woolworth und C&A waren das absolute Highlight für die Frauen aus dem Osten. Alles was im Osten verpönt oder verboten war, war plötzlich erlaubt! Tausende Menschen fühlten sich wie im Schlaraffenland des Konsums und konnten ihr Glück kaum fassen.

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